Rückkehr von beliebtem Format in hoher Qualität
Rückkehr von beliebtem Format in hoher Qualität
Philharmonischer Verein Aschaffenburg: »Cinemusic« in der fast ausverkauften Stadthalle – Großartige Musik, irreführender Titel
Main-Echo | ALEXANDRA KIESER
Nach einigen Jahren Pause ist das beliebte Format »Cinemusic« des Philharmonischen Vereins Aschaffenburg nun zurück auf der Bühne, noch dazu mit etwas abgewandeltem Konzept. Denn nicht speziell für Filme geschriebene Kompositionen, welche wir gemeinhin unter Filmmusik verstehen und mit Namen wie Ennio Morricone, Hans Zimmer oder John Williams verbinden, standen am Samstag auf dem Programm, sondern populäre Musik der Romantik und klassischen Moderne. Die Auswahl fiel auf vier Hochkaräter ihrer Zeit, welche die Musiker des Philharmonischen Orchesters unter Michael Millard in der nahezu ausverkauften Stadthalle in gewohnt exzellenter Qualität präsentierten.
Die Konzertouvertüre »Die Hebriden« op. 26 von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847), die als einer der Vorläufer der Sinfonischen Dichtung gilt, eröffnet den Abend. Der Titel verrät bereits, dass der Komponist sich hier auf die Inselgruppe an Schottlands Nordwestküste bezieht. Tonmalerisch eindrucksvoll gestaltet der junge Mendelssohn Naturphänomene wie Wasser, Wellengang, Wind und Unwetter. Michael Millard interpretiert die programmatische Ouvertüre als leidenschaftliches Spiel mit Dynamik und Tempi, betont damit die rauen wie sinnlichen Seiten dieses Naturschauspiels. Filmische Anwendung fand das Stück etwa in »L‘age d‘or« (1930), »Lone Ranger« (2013) oder auch den »Looney Tunes / Minah Bird«, wie Moderator Matthias Keller zu erklären weiß.
Einiges Wissenswertes
Charmant führt er durch den gesamten Abend und vermittelt einiges Wissenswertes über die Gattung Programmmusik, welche der rote Faden des Abends ist. Bei dem sich anschließenden Stück »Die Moldau« von Bedrich Smetana (1824-1884) lässt er vorab das Quellenthema sowie das bekannte, leitmotivische Hauptthema vom Orchester anspielen und gibt einen thematischen Einblick in die neun Stationen des Flusslaufs. Millard dirigiert Smetanas wohl bekanntestes Werk angenehm flott und vermeidet bei den elegischeren Stellen wie dem Nocturne »Mondschein-Nymphenreigen« jegliche Verklärung.
Vier neue Orchestermusiker
Das Thema Nachwuchs ist wichtig für den Philharmonischen Verein, der junge Talente mit seiner Orchester-Akademie fördert. Und so sitzen an diesem Abend vier neue, junge Musiker im Orchester, die sich mit ihren Lehrerinnen und Lehrern auf das gemeinsame Konzert vorbereitet haben: Antonia Binschek (Violine), Leonard Bracharz (Schlagwerk), Agnes Gatzmaga (Violine) und Jonas Withelm (Fagott). Und auch die Interpretin, die bei George Gershwins (1898-1937) »Rhapsody in Blue« am Flügel sitzt, ist gerade mal 19 Jahre jung: Olivia Bergmann.
Gershwins wohl bekanntestes Stück, eine kompositorische Synthese der Musikstile Sinfonik, Jazz und Blues, besticht mit markanten Motiven, rhythmischer Komplexität, struktureller Freiheit und Stilbrüchen. Bergmanns Spiel ist dabei von einer bemerkenswerten Leichtigkeit geprägt, welches das Philharmonische Orchester perfekt ergänzt. Balance und Interaktion zwischen Solistin und Ensemble sind beeindruckend. Bergmanns feines Gespür für die Nuancen der »Rhapsody in Blue« belohnt das Publikum mit großem Applaus.
Der zweite Teil des Abends gehört Modest Mussorgsky (1839-1881) beziehungsweise seinem Klavierzyklus »Bilder einer Ausstellung«, der in der Orchestrierung von Maurice Ravel (1875-1937) dargeboten wird. Die jeweiligen Sätze des Zyklus beschreiben Gemälde und Zeichnungen von Viktor Hartmann, Mussorgskys verstorbenem Freund. Das quasi als Musterbeispiel für Programmmusik geltende Werk besticht durch eine Fülle an Klangfarben.
Ein komponierter Ausstellungsrundgang, dessen zehn Sätze jeweils durch die motivisch markante Promenade verbunden sind, ist das inhaltliche Thema. Die Musik umfasst verschiedene Stile und Stimmungen, etwa lebhaft, festlich oder melancholisch. Die berühmtesten Sätze daraus dürften »Das große Tor von Kiew« und »Die Hütte der Baba Jaga« sein. Gut 40 Minuten fesselt das Philharmonische Orchester unter Michael Millard sein Publikum mit dieser kongenialen vertonten Verbindung von Musik und bildender Kunst. Und dieses ist begeistert, applaudiert frenetisch. Als Zugabe dieses gelungenen Programms folgt »Pomp and Circumstance« von Edward Elgar (1857-1934).
Einziger Kritikpunkt: Das Thema »Cinemusic« ist leider etwas irreführend. Trotz großartiger Musikauswahl bleibt der eigentliche thematische Aufhänger, der Film, deutlich auf der Strecke. Nichtsdestotrotz ein großartiger Abend.