Emotionen, Skandale, Intrigen und bisschen Quatsch

 
 

Emotionen, Skandale, Intrigen und bisschen Quatsch


Champagner Musicale: Philharmonisches Orchester Aschaffenburg und junge Solisten der Oper Frankfurt bieten Außergewöhnliches


Main-Echo | MELANIE POLLINGER  

Langeweile gibt‘s nicht bei der traditionellen Konzertgala »Champagner Musicale«. Jedes Jahr zur Faschingszeit hat der Philharmonische Verein Aschaffenburg neue Überraschungen für Opern- und Operettenfans parat. Am Samstagabend wurden die 600 Gäste in der Stadthalle vom Philharmonischen Orchester Aschaffenburg und vier jungen Gesangssolisten der Oper Frankfurt auf höchstem künstlerischen Niveau unterhalten: mit packenden Emotionen, Intrigen, Skandalen und einer hintersinnigen Groteske.
»In zweifelhafter Gesellschaft« war das Programm angesiedelt. Moderatorin Anna Ryberg präsentierte es gespickt mit pikantem Hintergrundwissen. Die schwedische Sängerin und Stimmbildnerin zog zum Beispiel eine Parallele zwischen Giacomo Puccinis skandalumwitterter (angeblicher) Affäre mit dem Dienstmädchen Doria Alfredi, die sich das Leben nahm, und der Opernfigur Liù: Diese opfert sich in Puccinis »Turandot« für den jungen Helden Calàf.


Komödiantisches Talent


Mit Liùs Arie »Tu che di gel sei cinta« eröffnete die Sopranistin Idil Kutay den Reigen der Gesangsauftritte. Kutay, die in Istanbul aufgewachsen ist und in den Niederlanden studiert hat, verfügt über einen leuchtend warmen Sopran. Herzergreifend hingebungsvoll gestaltete sie die Liebeserklärung der Sklavin. Dass Kutay auch komödiantisches Talent besitzt, zeigte sich nach der Pause bei der Buffo-Operette »Häuptling Abendwind« von Jacques Offenbach. Davon später mehr.


Das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Michael Millard bettete das Liebeslied der Liù ein in makellosen Instrumentalklang. Alles war fein austariert, voller Raffinesse und Rasanz, changierend zwischen fernöstlicher Exotik und italienischem Gefühlsüberschwang. Wie vielseitig das hochkarätige Ensemble mittlerweile versiert ist, zeigten besonders die Bravour-Orchesterstücke vor der Pause: drei Ouvertüren, die unterschiedlicher nicht hätten sein können.


Eleganz und Anmut gab es im Vorspiel zu Mozarts »Hochzeit des Figaro«. Temperament und (ungarische) Leidenschaft regierten in der Ouvertüre zu Franz von Suppès Operette »Leichte Kavallerie«. Gershwins Musical-Eröffnung zu »Crazy Girl« erwies sich als brodelnder Schmelztopf der Musikstile zwischen atemlosem Jazz, seufzendem Swing und endlos schwelgender Romantik.


Auch wer dieses Jahr schon Puccinis »La Bohème« in Salzburg oder »Tosca« in Wien gehört hatte, konnte sich am Samstag verwöhnt fühlen. Schlichtweg atemberaubend war der Auftritt des aus Südkorea stammenden Tenors Andrew Kim. Mit der aus übervollem tiefstem Herzen gesungenen Arie des Rodolfo »Che gelida manino« (Wie eiskalt ist dies Händchen) eroberte Kim das Publikum im Sturm. Über »La Bohème« verriet Ryberg ebenfalls Skandalträchtiges: Puccini setzte alles daran, seinen Rivalen Ruggero Leoncavallo zu übertrumpfen, der den Opernstoff schon vor ihm aufgegriffen hatte.


Die Arie des Malers Cavaradossi »Recondita armonia« an seine Geliebte Floria Tosca sang der mexikanisch-spanische Tenor Abraham Bretón erfüllend ausdrucksvoll und dabei völlig unangestrengt. Auch der Dritte im Männerbund, der aus Südafrika stammende Bariton Sakhiwe Mkosana, überzeugte mit einer fast schon lässigen Bühnenpräsenz – die das Böse in der Figur des Carlo Gérard in Umberto Giordanos Oper »Andrea Chenier« umso teuflischer aufblitzen ließ. Gérards Arie »Nemico della patria« (Feind des Vaterlands) setzte einen dramatischen Höhepunkt vor der Pause.


Polit-Parodie auf Kolonialismus


Danach waren Solisten und Orchester in der Operetten-Groteske »Häuptling Abendwind« von Jacques Offenbach vereint. Oberflächlich betrachtet kam sie wie sinnfreier Karnevalskokolores daher, entpuppte sich aber als Polit-Parodie: auf den Kolonialismus und Nationalismus der Großmächte.


Südsee-Häuptling Abendwind (Mkosana) und sein benachbarter Staatsgast Biberhahn (Bretón), beide Mörder, Entführer und Erpresser, sitzen beim (vermeintlichen) Kannibalen-Bankett und praktizieren lächerliche Diplomatie-Rituale. Häuptlingstochter Atala (Kutay) und Biberhahns Sohn Artur (Kim) kriegen sich am Ende aber doch. Denn sie sind verliebt, nicht machtgeil und schlauer als die Alten. So unterkomplex die Quatsch-Geschichte auch war: Dem geballten Wohlklang von Gesang und Musik hörte man gern zu.


Weil der Applaus danach kaum enden wollte, gab es zwei dicke Zugaben: Ruggero Leoncavallos »Mattinata« (1904 für Startenor Enrico Caruso geschrieben) in einer Spezial-Fassung für Sopran, zwei Tenöre, Bariton und Orchester und als Rausschmeißer für einen beschwingten Nachhauseweg die Polka »Im Sturmschritt« von Johann Strauss Sohn.

 
 
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